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Das Kavaliershaus

kavaliershausDas ehemalige Hotel im Schlosspark Reinhardsbrunn – es wurde am 31. Oktober 2001 geschlossen.

Dieser Artikel stammt aus dem Buch “Thüringer Gastlichkeit” erschienen im A. & R. Adam Verlag Dresden ISBN 3-00-007127

Residieren wie im Schloss verheißt das Hotelprospekt. Und es verspricht damit nicht zu viel. Zwar ist das Kavaliershaus “nur” eine Miniaturfassung des ein paar Schritte weiter liegenden pracht-vollen Schlosses Reinhardsbrunn – indes nicht minder eindrucksvoll in Architektur und landschaftlicher Einbettung. Gefügt aus leuchtend beigerötlichen Sandsteinquadern, mit Treppengiebeln und zum Teil neogotischen Fensterbögen, mit imposantem, das Gebäude überragenden quadratischen Turm, von dem wiederum mit Zinnen verbundene Ecktürmchen aufragen – präsentiert sich das Haus im Stil eines englischen Tudor-Schlösschens. Und als sei es selbst von seiner Schönheit überzeugt, zeigt es sich dem Betrachter gleich zweifach: nämlich auch im Spiegel des zu Füßen liegenden Sees. Umgeben von einem herrlichen Park mit altem Baumbestand, Rotbuchen und Winterlinden, Eschen, Eichen und Birken – die legendäre “Mönchslinde” wird auf 800 Jahre geschätzt – findet der Gast hier jene Oase der Ruhe, die sprichwörtliche “Insel der Seligkeit”, die in unserer modernen Zivilisation immer seltener wird.

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Wir sind in einem der schönsten Häuser der Travel Charme Hotels, die sich, Perlen gleich, Über einzigartige Orte insbesondere der neuen Bundesländer verteilen. Das “Kavaliershaus” macht seinem Namen alle Ehre – nur dass es heute nicht Höflinge und fürstliche Gäste, “Kavaliere” eben, beherbergt wie im vorigen Jahrhundert, sondern normale Zeitgenossen. War doch Reinhardsbrunn – 1828 bis 1832 errichtet auf den Grundmauern eines alten Benediktinerklosters aus dem 11. Jahrhundert – Jagdschloss und Sommerresidenz des Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha. Herzog Ernst I. galt als der “Schwiegervater Europas”. So ehelichte Sohn Albert getreu den Geboten feudaler Hausmachtpolitik seine Cousine Victoria, damals Königin von England. Kein Wunder, dass die Hoheiten und Verwandtschaften von weit her kamen und sich in Reinhardsbrunn die Klinke in die Hand gaben, hier ihren Sommer verbrachten, sich bei Jagden und Festen verlustierten. So waren Schloss und Kavaliershaus seit je Stätten der Gastlichkeit. Heute indes spricht dafür letzteres – noch – allein: Seit 1995 wird nämlich das Schloss als historisches Baudenkmal aufwendig restauriert. Mit Fertigstellung soll zugleich das Schlosshotel seine Pforten öffnen, so dass sich dann die Gäste und “Kavaliere” von heute auch wieder dort tummeln können, wo sie es schon früher taten. Zu DDR-Zeiten wurde das Schloss ab den 60-er Jahren vom Reisebüro als Hotel für nationale und internationale Gäste genutzt.

Seit der Wende und nach Umbau zum Hotel steht nun das “Kavaliershaus” stellvertretend für Schloss und Kloster, für Residenz und Gästehaus einstiger Landgrafen und Herzöge, für Einkehr und Geborgenheit in einem der schönsten Winkel des Thüringer Waldes. In seinen 19 Zimmern erwarten den Gast stilvolle Vornehmheit, großzügige Raumgestaltung mit getrennten Wohn- und Schlafzimmern sowie modernster Komfort mit Dusche/WC, Satelliten-TV, Direktwahl-Telefon und Minibar. Die großen sechsgeteilten Sprossenfenster holen den romantischen Park gleichsam ins Zimmer. Kein Autolärm stört den Lockruf des Vogels, das Rauschen des Laubes – die Zeit läuft in vollendeter Harmonie mit der Natur. Für Nichtraucher und Allergiker stehen besondere Zimmer bereit. Herzlich willkommen  sind Familien mit Kindern; für sie gibt es Kombinations- zimmer mit kindgerechter Ausstattung wie auch eine spezielle  Kinderspeisekarte.

Gern geht oder besser steigt der Gast in das Restaurant unterm Dach (60 Plätze) – gestaltet in einer reizvollen Kombination aus höfischem Interieur und stilvoller Mansarde mit integriertem Gebälk als Raumteiler, die mehrere intime Separees begrenzen. Hier kann er sich laben an Köstlichkeiten aus Küche und Keller, an Thüringer Spezialitäten – vom Wildbraten bis zur Zuchtforelle aus den Reinhardsbrunner Teichen. “Aus Forst und Flur” empfehlen sich Hirschsahnegoulasch, geschmorte Hasen- oder Wildschweinkeule – natürlich mit den unverzichtbaren Thüringer Klößen -, auch Perlhuhnkeule gefüllt mit Steinpilz-Geflügelleber-Farce und mit Zapfenkroketten, für den Vegetarier die Reinhardsbrunner Pilzpfanne mit feinem Gemüse und Kartoffelschupfnudeln, für den Petri-Jünger geräuchertes warmes Forellenfilet, Edellachsroulade oder Seezungenschleife auf Lauchspaghettini. Dazu eine Weinkarte, die auch den verwöhntesten Gaumen befriedigen dürfte und die Marken aus allen deutschen Anbaugebieten wie auch von Burgund, Piemont, Bordeaux, der Toskana oder aus Sizilien bereit hält.

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Bei so berühmter Geschichte des Hauses liegt es nahe, dass es diese auch für die Gäste und Besucher auf phantasievolle Weise lebendig macht. Die Zeitreise “Sagenhaftes Reinhardsbrunn – 1000 Jahre Kloster, Schloss und Hotel” entführt vier Tage lang in längst entschwundene Vergangenheit: am ersten Tag etwa in die Zeit der Benediktinermönche, als das Kloster hier noch das geistig-religiöse Zentrum der Landgrafschaft Thüringen war. Bei Spanferkelessen und Mönchstrunk, Hufeisenwerfen, Bogenschießen und Ritterschlag  wird die einstige Macht von Kloster und Ritterstand vergnüglich und mit Augenzwinkern herauf beschworen. Am zweiten Tag wird mit einem 5-Gang-Menü, spätbarocker Musik und in Anwesenheit geschichtlicher Persönlichkeiten jener Zeit des Besuchs der englischen Königin Victoria in Reinhardsbrunn 1845 gedacht. Thüringer Tradition und Gastlichkeit um die Jahrhundertwende prägen den dritten und eine futuristische Expedition mit einer Menüfolge aus der “Küche” des internationalen Feinschmeckerordens Châine des Rôtisseurs den vierten Tag.

Wer einmal das Vergnügen hat, Reinhardsbrunn aus der Luft zu sehen und zu erleben, könnte meinen, es versinke mit seinen markanten historischen Gebäuden in das umgebende, schier    unübersehbare dichte Baummassiv des Thüringer Waldes – der kleine Park im großen Naturpark also. So ist es wirklich. Die traumhafte Lage verlockt zu Kutsch- und Kremserfahrten oder Wandertouren zum nahe gelegenen Rennsteig oder zu einer Fahrt mit dem “Heubergexpress” zum berühmten Kammweg des Thüringer Waldes, vielleicht auch zu einem Besuch der unweit entfernten Marienglashöhle, die als eine der schönsten und größten Höhlen in Europa gilt. Wer auf den Spuren der Klassiker, von Kunst und Kultur wandeln möchte, nutzt gern die mehrtägigen Hotel-Arrangements oder auch Tagesausflüge zur Wartburg in Eisenach oder nach Weimar mit dem Goethe- und Schillerhaus, dem Schloss und dem Weimarer Bauhaus, nach Erfurt, einst eine der reichsten und mächtigsten Städte Deutschlands, oder nach Gotha mit seinem das Stadtbild beherrschenden Schloss Friedenstein.

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Doch vielleicht will nicht jeder, der hier logiert, gleich in die Ferne schweifen. Die Erkundung beginnt schon vor der Haustür und erschließt bei einem mehrstündigen Spaziergang im ersten angelegten Landschaftspark romantischer Prägung in Thüringen oder bei einer Bootsfahrt auf dem Gondelteich ein Naturerlebnis pur. Gar wohl könnte auf diesen paradiesischen Flecken der Dichter der Romantik Joseph von Eichendorff seinen schwärmerischen Vers gemünzt haben: “Denn ein Vogel jeden Frühling an dem grünen Waldessaume  sang mit wunderbarem Schalle, wie ein Waldhorn klang es im Traume…”

Nicht minder romantisch ist das Städtchen Friedrichroda selbst. Seit langem schon als Luftkurort und Wintersportplatz auch über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt, bemüht es sich um das Prädikat “Kneipp-Kurort”, ermutigt auch durch die erst Anfang der 90-er Jahre im Park von Reinhardsbrunn entdeckten Heilwasserquellen. Das gesunde Reizklima des Thüringer Waldes – milde Westwinde werden durch den riesigen Waldgürtel gefiltert – bringt Menschen mit Atemwegserkrankungen Linderung und Heilung. Immer ein Erlebnis im Winter: eine Pferdeschlittenfahrt durch den tief verschneiten Thüringer Wald oder eine Skiwanderung auf einer der gespurten Loipen am Rennsteig. Friedrichroda hat gerade im Wintersport eine Jahrzehnte lange Tradition. Wurde doch schon 1909 die 1265 Meter lange Natureisbahn am Spießberg gebaut, auf der heute noch nationale Wettkämpfe stattfinden. Und auch Nicht-Profis können sich hier gern einmal mit Rennrodel und Sturzhelm erproben.


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Dieser Artikel stammt aus dem Buch “Thüringer Gastlichkeit”
erschienen im A. & R. Adam Verlag Dresden SBN 3-00-007127