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Das Trauerspiel um Schloss Reinhardsbrunn

Wieland Fischer und Klaus-Dieter Simmen / 12.11.15 / TLZ

Der Verfall des historischen Anwesens schreitet weiter voran. Hinter der heruntergekommenen Kulisse spielt darüber sich ein handfester Streit ab – und das seit Jahrzehnten.

 Nachdem die Blätter gefallen sind, ist der Blick auf Schloss Reinhardsbrunn wieder frei. Unklar bleiben die Aussichten, wie es weitergeht, dennoch. Foto: Peter Michaelis

Nachdem die Blätter gefallen sind, ist der Blick auf Schloss Reinhardsbrunn wieder frei. Unklar bleiben die Aussichten, wie es weitergeht, dennoch. Foto: Peter Michaelis

Friedrichroda. Der Teich vor Schloss Reinhardsbrunn liegt idyllisch. Die Wasseroberfläche ist klein. Selbst Novemberstürme schlagen darauf keine großen Wellen. Derweil schreitet der Verfall des 1827 erbauten Schlosses weiter voran. Friedrichrodas Bürgermeister Thomas Klöppel (parteilos) sieht sich im Kampf dagegen wie auf einer Odyssee: hilflos höheren Mächten ausgeliefert. Die agieren jetzt auf Landesebene und vor Gericht.

Anfang November gab es wieder neue Turbulenzen. Nachdem im Betrugsprozess um Schloss Reinhardsbrunn das Amtsgericht Erfurt Haftbefehl gegen den 63-jährigen Hauptangeklagten wegen Fluchtgefahr erlassen hatte, kam der frühere Geschäftsführer einer Consulting-Firma wieder auf freien Fuß. Es bestehe kein dringender Tatverdacht, sagte ein Gerichtssprecher. Zudem sehe das Gericht keine Fluchtgefahr.

Der Bauingenieur war Anfang September nach einer mehrstündigen Verhandlung direkt im Amtsgericht Erfurt verhaftet worden. Er musste sich wegen Untreue und Betrugs verantworten. Der Vorwurf lautete: Während seiner Zeit als Geschäftsführer soll er Grundschuld-Einträge zugelassen oder veranlasst haben, die unberechtigt waren. Hinter den eingetragenen Forderungen in Millionen-Höhe sollen keine Leistungen stehen. Äußerlich betrachtet wirkt Schloss Reinhardsbrunn immer noch idyllisch. Erst bei genauerem Hinsehen wird der Verfall sichtbar.

Eine Consulting-Firma besitzt das Schloss inzwischen seit rund zehn Jahren. Die GmbH wird für den Verfall des Denkmals verantwortlich gemacht. Das Land Thüringen drohte den Besitzern damit, das Schloss zu enteignen, so geschehen vor etwa eineinhalb Jahren noch unter Ägide von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU).

Die rot-rot-grüne Landesregierung unter Bodo Ramelow (Linke) hat inzwischen Kaufverhandlungen mit der Eigentümerin aufgenommen. Diese sind weiterhin anhängig, bestätigt Marion Wolf, Stellvertretende Regierungssprecherin. Derzeit gehe es um die Klärung über das weitere Verfahren mit der eingetragenen Grundschuld und Sicherungshypothek über 9,2 Millionen Euro. Hierzu habe eine weitere Abstimmung mit der Eigentümerin stattgefunden, eine Klärung stehe aber noch aus.

Es gibt Interessenten für eine künftige Nutzung. Mit diesen werden Gespräche geführt, teilt Marion Wolf ferner mit. Wer diese Interessenten sind und wie eine künftige Nutzung aussehen könnte, möchte sie noch nicht kundtun. „Die Gespräche laufen noch.“ Die Landesregierung strebe eine Übertragung des Eigentums an, vorher müssen aber die Belastungen geklärt werden. „Das Land wird diese nicht übernehmen“, kennzeichnet Marion Wolf den aktuellen Standpunkt.

Im Frühjahr dieses Jahres reagierte Ministerpräsident Ramelow zunächst zurückhaltend auf das Verkaufsangebot der Schlossherren. Damals hieß es noch: Das Enteignungsverfahren werde weiter verfolgt, Wertgutachten erstellt sowie der Sanierungsbedarf für Schloss und Park berechnet. Das neue Angebot der Besitzer komme „überraschend“. Es sei zu klären, ob das Angebot wirklich ernst gemeint sei – oder ob sich die jetzigen Eigentümer, Bob Consult, nur Zeit verschaffen wollen wegen des anhängigen Strafverfahrens. Das Verfahren ist nun abgebrochen. Das Problem liegt nicht allein bei der Übernahme der Grundschuld. Vor allem baulich wartet ein Millionen-Projekt, um die Spuren des Verfalls zu beseitigen, wie im Oktober eine Begehung des Areals zeigte. Stephan Scheidemann führte unter anderem Mitglieder der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten durch den Park von Schloss Reinhardsbrunn. Der Friedrichrodaer Restaurator kennt sich als Mitglied des Fördervereins Schloss und Park Reinhardsbrunn in der Geschichte dieser Anlage aus und weiß auch um die deutlich sichtbaren Spuren des Verfalls.

Auf die Frage, ob das Schloss Reinhardsbrunn einmal zur Thüringer Stiftung gehören wird, lächelte Stiftungsdirektor Eberhard Paulus. „Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagte er. So beklagenswert der Zustand derzeit sei, hoffnungslos ist die Lage für Paulus nicht. Nachdem die Enteignung ins Gespräch kam und die vormalige Landesregierung den Fall zur Chefsache machte, sei aber nichts mehr passiert. Paulus: „Die Landesregierung muss tätig werden. Es kann nicht sein, dass dieser für Thüringens Geschichte bedeutende Ort verfällt.“ Wer allerdings sagt, er wolle sich dafür einsetzen, müsse das auch tun. Den Verweis, dass eine Enteignung eine schwierige Sache sei und es hierzulande keinen Präzedenzfall gebe, lässt Paulus nicht gelten. Auch die Wiedervereinigung hat es zuvor nicht gegeben, so Paulus.

Scheidemann berichtete, dass der Verfall nicht erst nach 1990 eingesetzt hat. Diese unrühmliche Geschichte nahm nach 1945 ihren Lauf. Was gleich nach dem Krieg passierte, kam einer Plünderung gleich. Zunächst bedienten sich die Amerikaner, dann die Russen und zwischendurch die Friedrichrodaer. Nach einer kurzen Zeit als Feuerwehrschule wurde das Schloss Hotel zunächst für das Ministerium des Innern. Anfang der 1960er Jahre übernahm das Reisebüro der DDR die Anlage. „Nach der friedlichen Revolution entdeckten wir hinter dem Intershop ein Zimmer, von dem aus alle Zimmer abgehört werden konnten“, weiß Scheidemann. Während zu DDR-Zeiten das Machbare zum Erhalt beigetragen wurde, hatten die Besitzer nach der Wiedervereinigung allein ihr eigenes Wohl im Sinn. Die jüngsten Jahre nutzten zudem wiederholt Einbrecher den herrenlosen Zustand auf ihre Weise. Unter anderem verschwanden Glocke, Turmuhr und Hirschkopf spurlos. „Jüngst erst ist wieder eingebrochen worden“, berichtet Christfried Boelter, Vorsitzender des Schloss-Fördervereins. Das Tor, welches schon einmal demoliert und 2014 erneuert worden war, sei nun wieder gesichert. Der Kampf um Erhalt von Schloss Reinhardsbrunn gleicht einer Odyssee, sagt Friedrichrodas Bürgermeister Thomas Klöppen.

Anfang September übergaben Freunde vom Schloss und Park Reinhardsbrunn in Erfurt in der Staatskanzlei eine Petition, die Maßnahmen zum Erhalt einfordert. 4255 Unterschriften sammelten die Mitglieder des Freundeskreises von Schloss und Park Reinhardsbrunn. In der Petition heißt es: „Wir mahnen eindringlich an, dass die politisch und wirtschaftlich maßgeblichen Entscheidungsträger ihrer Verantwortung gerecht werden, unser regionales, nationales und auch europäisches Kulturerbe zu erhalten. Wir erwarten von ihnen, sich verantwortungsvoll und zielgerichtet für die Bewahrung der historischen Stätte des Schlosses und des Landschaftsparks Reinhardsbrunn einzusetzen…

Das Schloss Reinhardsbrunn und vormalige Kloster Reginherisbrunno verfällt zusehends.“ „Hier handelt es sich um die Wiege Thüringens, wie Christfried Boelter unablässig erinnert. Doch die Initiativen zu deren Erhalt verlaufen bisher offensichtlich ins Leere; Boelter: „Seitdem der Prozess geplatzt ist, wissen wir nicht, wie es weitergeht.“ Und so konstatiert Friedrichrodas Bürgermeister: „Nichts Neues in Sachen Reinhardsbrunn. Wir haben uns langsam daran gewöhnt.“

Wieland Fischer und Klaus-Dieter Simmen / 12.11.15 / TLZ