Geschichte

Cousine Victoria kam als Sommergast

Was der Sozialismus übrigließ – Teil V der WELT-Serie: Jagdschloß Reinhardsbrunn von PETER SCHMALZ

Ein Jagdschloß in Thüringen erschien den Nationalsozialisten geeignet als Pendant zur ostpreußischen „Wolfsschanze“ – ein „Wolfsturm“ sollte aus Schloß Reinhardsbrunn werden. Die Historie vereitelte den Plan. So schwelgt Reinhardsbrunn heute unbefangen in Geschichten aus dem europäischen Hochadel.

Gotha – An den nördlichen Ausläufern des Thüringer Waldes, nur eine gute Stunde Kutschfahrt von Gotha entfernt, liegt eine Anlage mit Zinnen und Türmchen, zum Wohlergehen der Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha erbaut und von deren englischer Verwandten Queen Victoria im vergangenen Jahrhundert gerne als Sommersitz genutzt. Die Grundmauern des Jagdschlosses Reinhardsbrunn, das heute teils als Hotel dient, teils der Renovierung harrt, wurden vor 900 Jahren gelegt. Anlaß war eine Geschichte von Liebe und Leid. Damals lebte in der Gegend Ludwig der Springer – so genannt, weil er der kaiserlichen Haft auf Burg Giebichenstein zu Halle durch einen Sprung aus dem Fenster in die Saale entkommen konnte. Er hatte sich ein ewigwährendes Denkmal gesetzt, indem er auf einem Hügel beim Flecken Eisenach eine Festung errichtete, die er Wartburg nannte.

Die Sage erzählt, Ludwig sei in glühender Liebe zur Frau des Pfalzgrafen zu Sachsen entbrannt – „ein über die Maßen schönes Weib“, so ein Chronist. Ludwig durchbohrt den Ehemann mit einem Jagdspieß und nimmt die willige Witwe zur Frau. Doch wegen der Bluttat sind des Kaisers Häscher hinter ihm her und die Gewissensbisse allgegenwärtig. Der Papst rät dem Bedrängten, zur Buße ein Kloster zu stiften. Ludwig findet beim Ausritt an genau jener Stelle den geeigneten Platz, wo ein Töpfer mit Namen Reinhard lebt, der bekannt ringsum ist, weil neben seinem Gehöft ein mächtiger Brunnen sprudelt.
Ludwig läßt bauen und nennt das Kloster, in dem sich Benediktiner-Mönche ansiedeln, Reinhardsbrunn. Den richtigen Baugrund glaubte er gefunden zu haben, weil im Wald, in der Nähe des Brunnens, blaue Flämmchen aus dem Boden züngelten, beim Näherkommen aber kein Feuer zu sehen war. Daß diese Flammen kein Hirngespinst waren und daß ihre Existenz der Gemeinde Friedrichroda zum Besten sein kann, weiß man erst seit jüngster Zeit.

Das Kloster wurde im Mittelalter zu einem der reichsten in deutschen Landen – durch Kauf und Schenkung, aber auch durch manche getürkte Urkunde, was die Arbeit der Historiker um die „Reinhardsbrunner Fälschungen“ bereicherte. Unheil drohte, als auf der Wartburg der Mönch Martin Luther die Bibel übersetzte. Vier Jahre später, acht Tage vor dem Osterfest 1525, stürmten Bauern Reinhardsbrunn, zechten sich eine Nacht lang Mut und Kraft an und schlugen dann zu: 24 Altäre und drei Orgeln zersplitterten, die Bibliothek verbrannte, und mit den Gebeinen der Landgrafen trieben die Randalierer Schabernack. Das Kloster fand nie mehr zur alten Blüte zurück. Ein Plan, es nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Sitz eines „Collegium Hunnianum“ zur Schlichtung theologischer Differenzen zu machen, scheiterte.
Zu dieser Zeit ist auf den Grundmauern bereits ein Schloß errichtet, das Herzog Ernst I. von Coburg und Gotha von 1828 an nach englischem Stil in seine heutige Form bringen läßt: warmer Kalkstein mit neogotischen Fensterbögen, spitze Türme und Schießscharten als Zierat. Hoheiten kommen von weither, werden als Verwandtschaft begrüßt, denn Ernst I. galt als „der Schwiegervater Europas“: Sein Sohn Albert ehelichte 1840 seine Cousine Victoria, die damals schon Königin von England war. Zur Zeit erinnert eine „Victoria & Albert“-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu Berlin an deutsch-englische Familienbande. Nach Alberts frühem Tod verbrachte die Königin mehrere Sommerferien in Reinhardsbrunn und ließ sich auch einmal im Morgengrauen auf dem Leiterwagen zum 919 Meter hohen Inselberg kutschieren, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Damals residierte Herzog Ernst II. auf Reinhardsbrunn – ein leidenschaftlicher Jäger, der die deutsche Schützengesellschaft gründete.
„Das war wie ein fürstlicher Taubenschlag“, erzählt Hans Wolf, ein Rentner, der als Kind das herrschaftliche Treiben noch erlebte: „War der Herzog im Schloß, wehte die grünweiße Fahne. War die Fahne eingeholt, gab es Führungen.“ Dann konnten die Bürger im Roten Salon auf einem Gemälde Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha bestaunen, wie er als Prinz von Edinburgh am Kap der Guten Hoffnung auf Elefantenjagd geht. Oder sie konnten auf dem langen Korridor der Hirschgalerie mit den verästelten Geweihen auf den kleinen Tafeln studieren, wann und wo geschossen wurde. Hans Wolf, der Schubladen und Kartons voller Erinnerungen an Schloß und Ort hortet, war Fernsehmechaniker. Eine alte Dame, deren Gerät er reparierte, schenkte ihm eine der größten Kostbarkeiten seiner Sammlung: ein Foto von 1938, das Prinzessin Sibylla von Sachsen-Coburg und Gotha im Brautkleid zeigt neben Gustav Adolf von Schweden, dem Bräutigam. Beide haben das Bild mit schwarzer Tinte signiert. Der Schwedenprinz starb neun Jahre später bei einem Flugzeugabsturz. Sohn Carl Gustaf ist heute König und wie der Vater mit einer Deutschen verheiratet.

Hans Wolf erinnert sich detailgetreu an die Vergangenheit. Ein kleiner Bahnhof war in Schloßnähe angelegt und dazu ein noch kleinerer Pavillon, dessen Zweck er als Junge neugierig erlebte: „Die Herrschaften kamen in drei Waggons, die an den normalen Zug angehängt waren: im ersten die Familie, im zweiten die Diener und im dritten die Pferde mit Kutsche.“ Bis die Kutsche abgeladen und die Pferde angeschirrt waren, wartete die Familie samt Dienerschaft im Pavillon.

Im Dritten Reich wird die Anlage an die Reichskanzlei vermietet. Sie sollte Repräsentationssitz werden, wenn im nahen Ohrdruf das zweite Führerhauptquartier in die Bergstollen getrieben sein würde. Nach der „Wolfsschanze“ sollte hier der „Wolfsturm“ entstehen. Bunker wurden gebaut, eine Kommandozentrale installiert. Hitler soll nie dagewesen sein, aber die meisten seiner goldbetreßten Höflinge. Generalfeldmarschall Albert Kesselring taucht in den letzten Kriegstagen mit einem Stab auf, das Bernsteinzimmer wird in Kisten verpackt zwischengelagert, allerhand Kunstgüter nehmen über Reinhardsbrunn ihren Weg nach irgendwo. Die Fahrer der Transporte, erzählt man sich, wurden am Ende der Reise erschossen.

Amerikaner und Russen liefern sich schließlich einen Wettlauf um das Schloß, denn dort, so erfahren ihre Späher, habe sich die Finanzelite des zusammenbrechenden braunen Reiches versammelt – und damit wohl auch das Wissen um den Verbleib des Goldschatzes der Reichsbank. Die US Army macht das Rennen, einer der Inhaftierten gibt nach kurzer, aber intensiver Befragung den geheimen Ort preis: 30 Kilometer Luftlinie westwärts, in den weißen Stollen des Salzbergwerks bei Merkers. Eisenhower und sein Panzergeneral Patton steigen persönlich hinab in die salzige Schatzkammer, in der Tonnen von Gold und Tausende von Gemälden lagern. Heute gibt’s Führungen für 35 Mark.

Nach dem Krieg wird das Schloß erst russisches Lazarett, dann Feuerwehr- und Polizeischule des DDR-Innenministeriums. In den sechziger Jahren werden Haupt- und Nebengebäude, vor allem das noble Kavaliershaus, zum Hotel umgebaut. Die Wirtschaftsführer des Ostblocks tagen hier, Wissenschaftler treffen sich zum Gedankenaustausch. Im Kavaliershaus dürfen auch Westgäste wohnen, vermittelt von einem Hamburger Reisebüro. Nach dem Mauerfall wird die Evangelische Kirche in Thüringen für einige Jahre Eigentümer, verkauft aber Schloß und Park an die Hotelgruppe Travel Charme, hinter der betuchte Investoren stehen. Sie führen das Kavaliershaus weiter (die 19 Doppelzimmer kosten ab 180 Mark) und planen, das geschlossene Haupthaus in den nächsten Jahren für 45 Millionen Mark auszubauen.
Während das alte Gemäuer noch auf die Handwerker wartet, wird jenseits der Schloßmauer schon eifrig gewerkelt. Dort wurde in 50 Meter Tiefe Mineralwasser gefunden, das bald über drei Brunnen nach oben strömen soll: einer für den Ort und zwei für eine Mineralwasserfabrik, die von Mai an Reinhardsbrunner Wasser in Flaschen füllen will. Hagen Schierz von der örtlichen Kur- und Touristik-Gesellschaft ist sicher: „Die blauen Flämmchen, die Ludwig der Springer gesehen hat, waren Gase, die vor bald 1000 Jahren aus dem Mineralwasser aufgestiegen sind.“

Veröffentlicht: 24. Januar 1997